Biografien

20.11.2016

„Was ich noch sagen wollte“ Helmut Schmidt

Er war Kanzler, er vertrat Deutschland und er begann seine politische Laufbahn, bevor er als Kanzler die Bundesrepublik regierte, als ich noch Quark im Schaufenster war, würde meine Mama sagen und außerdem bin ich ein Kind der DDR und da war der Westen einfach nur ein Klassenfeind.

Vor einigen Jahren habe ich bereits die Biografie seiner Frau Loki gelesen und als ich kürzlich ein Interview mit ihm. kurz vor seinem Tod sah, kam  der alte Gedanke wieder. Der Gedanke, dass ich mehr wissen will über den immer rauchenden Mann.

Dieses Buch ist keine Art Biografie, in der man viele private Dinge über ihn erfährt, viel mehr, ein Buch, dass wiedergibt, wer ihn geprägt hat, was Kunst und Musik in seinem Leben ausmachte, was seine 68 Jahre mit Loki aus ihm gemacht haben. Er erzählt locker und leicht, von Begegnungen mit Künstlern und Politikern. Was mich besonders schockiert hat, ist dass er bereits 2014 Dinge über die USA aussagte, die nun zutreffen. Er hat meine persönliche Ansicht über Ronald Reagan noch einmal bekräftigt und beim Zuklappen des Buches, sah ich einen zufriedene und glücklichen Mann. Wer kann das schon von sich sagen? Beim Lesen war es, als würde ein Freund gegenüber sitzen und mit dir plauschen.

Wer hinter die Kulissen schauen will, der wird Freude mit diesem Buch haben. Zu Beginn seines Buches erzählt er, wie prägend seine ersten Lehrer für ihn waren – ein Segen für mein Lehrerherz. Er ist ehrlich, selbstkritisch und gibt Fehltritte zu – ein ganz normaler Mensch eben, der das Glück hatte, trotz Nikotinsucht, sehr alt zu werden.

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erschienen bei Pantheon, 239 Seiten

 

15.11.2016

„Ich war ein Salafist“

der schockierende Bericht von Dominic Musa Schmitz

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Dominic, 17, ein junger, kleiner, deutscher Rebell, der keine Lust auf die Schule hat, der gern Rap-Musik hört und kifft – er ändert sein Leben radikal und wird Muslim.

Warum? habe ich mich als Leser gefragt und das war der Grund, weshalb ich mehr über ihn erfahren wollte, was hat ihn bewegt, sein Leben so radikal zu ändern, auf Musik und Frauen zu verzichten… das Buch gibt ehrliche Antworten und zeigt einen jungen Mann, der einfach einsam war, der Verständnis suchte und fand. Seine ausländischen Freunde zeigten ihm den Weg, den Weg zu Allah und er begann sich zu ändern. Er begann auf alles zu verzichten und fand Freude im Gebet und in den Glauben, dass alle seine Sünden vergeben wurden. Er fühlte sich toll, wenn er wie der Prophet Mohammed mit Pluderhosen durch seine Heimatstadt ging und er wollte andere überzeugen, dass dies der rechte Weg sei.

Doch irgendwann kamen Fragen und Zweifel, wie kann eine Religion sich über andere stellen und je mehr Fragen er in seinem Kopf bekam, desto mehr Zweifel wuchsen, doch war er nicht schon zu weit gegangen? Bekannte waren bei Selbstmordattentaten gestorben, hatten sich geopfert – kann man zurück? Er beweist man kann, aber es ist hart. Er ist immer noch Muslim, aber er weiß, dass viele Ansichten nicht der Realität entsprechen und verändert dargestellt werden. Er rechnet selbstkritisch mit sich ab und gibt einen ehrlichen Einblick in sein Leben als Mitglied einer Moschee, als Mann, der unbedingt eine  gläubige Frau haben will  und Fehler begeht.

Eine Biografie, die zum Nachdenken anregen soll und es auch macht. Daumen hoch und 5/5 Sternen für diese Wahrheit.

erschienen bei Econ Verlag, Berlin

250 Seiten

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„Die Fettlöserin“ Nicole Jäger

Sie muss es wissen, hat sie doch ihr Gewicht  um die Hälfte reduziert und ist trotzdem noch dick. Sie setzt sich in diesem Buch kritisch mit sich selbst und auch mit Vorurteilen und Ausreden auseinander. Zitat: „Der Spiegel sagte, ich sei fett, die Waage sagte: Bitte nicht in Gruppen aufsteigen. Mein Umfeld sagte schon lange nichts mehr. Ich war Mitte 20, sah unmöglich aus ….und war so beweglich, wie ein Wanderdüne“

Im September kam sie nach Bautzen zu ihrer Lesung und ich als Leseratte musste hin, auch wenn ich alles andere als übergewichtig bin, so war ich doch auf die Person gespannt, die sich hinter dem Foto auf dem Cover verbarg. Ich wollte ihre Geschichte hören, die Geschichte der Frau, die mit die dickste Frau der Welt war und ich wollte wissen, wie und wo der Auslöser kam, sich doch zu ändern. Nach der Show war  klar, dass ich das Buch kaufen muss und ich habe es nicht bereut. Genauso lebendig und voller Energie erzählt Nicole und rechnet ab, mit den Ausreden, dass man dick ist, weil man krank ist, denn das sind weltweit nur 0,09 Prozent, mit dem Diätwahn, der doch sowieso nur dazu führt, dass die 20 Kilo, die man abgenommen hat, mit 40 kg nach einem viertel Jahr wieder auf der Waage stehen.

Sie erzählt von Ärzten, die sie nicht verstanden und von einem Leben voller Einsamkeit, denn sie war gefangen, gefangen  in ihrer eigenen Wohnung. Sie erzählt, wie es überhaupt dazu kam, dass sie, die den Sport so liebte, plötzlich dick und dicker wurde. Sie verrät,und da wird einem als Leser  wehmütig, wie sie im Rollstuhl saß und an allem zweifelte.

Und dann kam der Kampfgeist, der Wunsch es allen zu zeigen. Wozu ein Magenband? Wozu den Dünndarm verkleinern lassen, um dann voller Sehnsüchte durch den Supermarkt zu laufen. Nein – sie wollte es anders und sie beweist es den Lesern. Es geht, klar nicht immer einfach, und sicher: Zweifel gehören dazu, aber am Ende zählt das Ergebnis und das sagt: 170 Kilo sind weg! Die Art, wie sie erzählt ist faszinierend, denn  es ist, als würde ein Freund auf dem Sofa sitzen und mit dir reden. Ich habe mich selten bei einer Biografie so wunderbar unterhalten gefühlt. Danke Nicole, für das Erinnern, dass alles möglich ist.

Danke für deinen Mut an die Öffentlichkeit zu gehen und uns an die wahren Schätze des Lebens zu erinnern. Der Weg zum Buch

erschienen bei rororo Dezember 2015;

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„Der Handlanger der Macht“

Pawel A. Sudoplatow war ein Handlanger der Macht, denn er war ein KGB-General, aber seinen Namen kennt keiner. Doch bringt man die Ermordung oder den Namen Trotzijs, werden sich einige von euch erinnern. Er war der Täter und jetzt blickt er zurück. Zurück auf sein Leben, dass geleitet und geführt wurde und das anderen Menschen viel Leid brachte.

Jedem, der geschichtlich interessiert ist, lege ich dieses Buch ans Herz. Es gibt Hintergrundinformationen und Einblicke in die Arbeit eines KGB-Generals. 58 Jahre hat er gemacht, was andere von ihm erwarteten und 58 Jahre hat er das Leben irgendwie verpasst. Anders sind Sätze von ihm, dass er wohl naiv gewesen sei und dass das Verschwinden von Freunden und Bekannten wohl andere Ursachen haben kann, nicht erklärbar.

Kühl und detailliert erinnert er sich, an seine Kindheit, seine eigentlich nie dagewesene Jugend, seine Frau und eben seine Arbeit, die sein Leben war. Seine Zeit unter Stalin und wie es nach seinem Tod weiterging. Wie lebt man der Schuld andere getötet zu haben? Denkt man an seine Opfer? Wie schafft man es immer wieder unterzutauchen, sie spionieren und über Jahrzehnte zu glauben, dass man das Richtige tut, wo doch um einen herum alles zerbricht. Ob Spionage in Richtung Atomforschung oder anderes, es ist erschütternd.  Auf über 500 Seiten erhält man als Leser Einblicke und darf sich sein eigenes Urteil bilden. Es gibt Stellen, da vermutet man ein `“es tut mir leid“, aber klar ausgesprochen fehlt es. Sei es dem fehlenden Vater geschuldet, dass er in diese Welt abrutschte oder anderen schweren Umständen, aber wacht man nicht auf? Sollte man nicht aufwachen? Aber wie und wann und kann man aussteigen oder ist man für immer gebunden?

 

Fragen,die mich als Leser begleiteten und die mich dieses Buch sehr bewegt aus den Händen legen ließen. Für mich ein klares Lese-Must! Persönlich finde ich das alte, rote Cover besser, denn es passt zu der Zeit.

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„DIE GESCHICHTE MEINES SELBSTMORDS“

Vor fast genau einem Jahr lief ich über das Gelände der Buchmesse, ich sah mich um, fasste begeistert Bücher an und las Kurzinfos. Mit meinen über 1,80 m habe ich so Victor fast übersehen. Er saß da und nickte mir freundlich zu. Seine Augen strahlten und ich lächelte zurück, nahm aus Reflex heraus das Buch links neben mir und schlug es kurz auf und sah: einen jungen Mann im Rollstuhl, ohne Beinen – oh Schreck es war der junge Mann, den ich gerade noch angelächelt hatte. Mein Kopf überschlug schnell eine mögliche Reaktion und so sagte ich einfach: „Ähm, ist ja dein’s . Kannst du es signieren??“ Ein kurzer Plausch und das Buch wurde meines. Ich habe es sofort auf dem Heimflug gelesen und sage euch nur eines: Der Victor in dem Buch hat nichts, aber auch gar nichts mit dem Victor gemeinsam, den ich kennenlernen durfte.

Das Buch führt uns in die dunkle Welt, in seine dunkle Welt, in eine Welt voller Angst und Zweifel, wo es nur noch einen Weg heraus gibt. Selbstmord. Das es nicht geklappt hat, ein Wunder, aber auch die Chance, dass Victor irgendwann Hilfe bekam, dass sich jemand seiner Probleme annahm und ihm helfen konnte!

Ein sehr persönliches Buch, das bewegt und anregen sollte, ein wenig mehr über unsere Mitmenschen nachzudenken!

Viktor

  • Erscheinungsdatum Erstausgabe :27.08.2014
  • Verlag : Droemer
  • ISBN: 9783426426166
  •  Text 256 Seiten